hebraeisch.israel-life.de / israel-tourismus.de / nahost-politik.de / zionismus.info
Judentum und Israel
haGalil onLine - http://www.hagalil.com
     

 

[BUCH BESTELLEN]
[MEHR INFORMATION ZUM BUCH]

Grundlagentexte zum Zionismus
ALTNEULAND - Der utopische Roman von Theodor Herzl

 

ZWEITES BUCH:
Haifa 1923

Drittes Kapitel

FRIEDRICHSHEIM WAR EIN HELLES, HOHES SCHLOSS MAURISCHEN STILS, umgeben von Gärten. Vor der weißen Freitreppe lag in Stein gehauen ein Löwe. Wieder mußte Friedrich an die Worte des kleinen Hausierersohnes denken, da vom Löwen Judas die Rede gewesen. "Was Juda gehabt hat, kann es wieder haben. Unser aller Gott lebt ja noch!" hatte der Junge damals gerufen. Der Traum war erfüllt...

Der Pförtner hatte ein Glockenzeichen gegeben, als David Littwak mit seinen Gästen durch das Gittertor kam. Sie wurden an der Freitreppe von zwei Dienern erwartet.

"Ich lasse meine Frau und meine Schwester in den unteren Salon bitten," sagte David dem einen, der hierauf über die teppichbelegte Treppe der großen Eingangshalle in den ersten Stock hinaufeilte. Der andere Diener öffnete den Herren die Salontür. Sie traten in einen hochgewölbten Raum, der mit herrlichen Kunstwerken geschmückt war. Die Wände mit rosiger Seide verkleidet, die Möbel von der zarten englischen Bauart, an der Decke ein elektrischer Kronleuchter, schimmernd von Gold und Kristall. Eine Tür und vier Fenster ließen durch hohe Spiegelscheiben das volle Tageslicht hereindringen. Man sah hinaus auf ein weiches Rasenparterre mit Blumenbeeten bis zur marmornen Brüstung, hinter welcher das Meer blaute. Im Salon standen zu beiden Seiten der Haupttür siebenarmige Leuchter von Manneshöhe aus Silber. An der einen Schmalwand ein großes Gemälde, das einen alten Mann mit einer alten Frau in einfacher dunkler Kleidung darstellte.

"Meine Eltern!" bemerkte David, als er Friedrichs Augen darauf gerichtet sah.

"Ich hätte sie gewiß nicht erkannt," lächelte Friedrich. "Und wer ist das?" Er deutete nach einem Ölbilde, das über dem mächtigen Kamin hing. Es war das Porträt einer schlanken, schwarzlockigen jungen Dame von großer Schönheit.

"Das ist meine Schwester Mirjam. Sie werden sich gleich selbst überzeugen können, ob es ähnlich ist."

Im nächsten Augenblick traten die Damen ein: Mirjam und eine blühende junge Frau, die Gattin Davids.

"Sarah, Mirjam!" rief der Hausherr mit leicht bebender Stimme. "Wir haben den teuersten, unerwartetsten Besuch erhalten. Dieser Tag hat mir die größte Freude meines Lebens gebracht. Ihr könnt nicht erraten, nicht einmal ahnen, wen wir zu beherbergen das Glück haben. Denjenigen, den wir für tot hielten, der unser Wohltäter, unser Retter war!"

Die Damen blickten verwundert drein.

"Doch nicht — Friedrich Löwenberg?" fragte das junge Mädchen.

"Er selbst, Mirjam! Er selbst! Da steht er."

Da eilte sie auf den Gast zu, streckte ihm beide Hände entgegen, begrüßte ihn freudestrahlend wie einen allen Freund.

Es war ihm wunderlich und selig zumute, als er von dieser lieblichen Stimme seinen Namen aussprechen hörte. Er kam sich wie verzaubert vor an dem herrlichen Orte, unter den prächtigen Menschen.

"Und das ist Mr. Kingscourt, der Freund des Doktors, also auch unser Freund und werter Gast." Er berichtete kurz, wie er die Herren im Hafen erblickt und Friedrich sogleich erkannt hatte. Denn er hatte sich als kleiner Knabe die Züge des Nothelfers tief eingeprägt, und Friedrich war eigentlich wenig verändert. Selbstverständlich dürften die Herren in kein Hotel gehen, sondern müßten hier wohnen.

Frau Sarah wollte die Gäste gleich nach ihren Zimmern geleiten lassen. David übernahm dies aber selbst. Er bat die Herren, ihm zu folgen.

"Gehen wir hinauf! Ich möchte Ihnen oben auch einen jungen Mann vorstellen, der den hier nicht mehr ungewöhnlichen Namen Friedrich führt."

So schritten alle fünf die Halltreppe hinauf in den ersten Stock. David führte und blieb vor der letzten Tür des Korridors stehen.

"Hier hält sich dieses Individuum auf," sagte er glücklich lachend und öffnete.

Es war ein weißes Zimmer. In der Mitte thronte auf seinem hohen Kinderstuhl ein pausbackiges Baby. Es hatte sich die Schuhchen von den Füßen gestreift und war eben bemüht, auch die kleinen Strümpfe durch beharrliches Reiben der Zehen an den drallen Wadchen loszuwerden. Vor ihm stand seine ältliche Pflegerin mit einem Teller Milchspeise. Das Kind schlug lustig seinen Löffel auf den Brei, daß es nur so patschte, und schien diese Unterhaltung für wichtiger zu hallen als das Essen.

"Dieser Dummkopf ist mein Sohn Friedrich," rief David, und es klang zum erstenmal etwas wie Stolz aus seinen Worten.

Aber Jung-Friedrich ließ den Löffel fahren. Kingscourts weißer Bart hatte es ihm angetan. Er jauchzte hoch auf und reckte dem Alten beide Ärmchen entgegen. Kingscourt reichte ihm seinen Zeigefinger, und das Bübchen klammerte sich fest an.

Die anderen wollten dann hinausgehen, Kingscourt blieb wie angewurzelt stehen.

Friedrich wandte sich in der Tür um:

"Kommen Sie denn nicht mit, Kingscourt?"

"Der Kerl läßt mich nicht los!" erwiderte er geschmeichelt. Und er blieb dann auch richtig noch eine ganze Stunde beim kleinen Friedrich.

Mit diesem Augenblick begannen die Beziehungen zwischen dem alten Menschenfeinde Kingscourt und dem jüngsten Littwak. Man konnte nie Genaueres über den Inhalt ihrer Unterredungen erfahren, weil der kleine Fritz noch nicht sprechen konnte, und Kingscourt unter den furchtbarsten Flüchen leugnete, daß er das Kind lieb habe. Indessen wurde später durch Aussagen der Dienstleute festgestellt, daß Kingscourt oft in die Kinderstube geschlichen kam, wenn er wußte, daß kein anderer da war, und daß er sich zu den unvernünftigsten Streichen hergab. Er ließ das Kind auf seinen Schultern reiten oder legte sich platt auf den Boden, damit das Bürschchen gefahrlos an ihm herumklettern könne. Wenn das Fritzchen aber weinte, führte er, um, es zu trösten, sehr erstaunliche Tänze auf und sang ihm uralte deutsche Lieder vor, wobei er seine rauhe Stimme recht wohlklingend zu machen versuchte.

Am ersten Tage seiner Bekanntschaft mit dem Kleinen fand sich Kingscourt ein wenig verlegen beim Mittagstische ein. Doch gab es so vielerlei zu fragen und zu erzählen, daß seine plötzliche Schwäche für das Bübchen unbemerkt und unerörtert blieb.

Sie saßen in dem holzgetäfelten Speisesaale und hielten eine gute Mahlzeit. Die Weine erregten besonders die Zufriedenheit Kingscourts. Er bekam die Auskunft, daß es durchwegs palästinensische Weine seien, zum Teile sogar Eigenbau Davids. Mit der Weinkultur hatte ja die Kolonisation des Landes schon in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begonnen. Die besten Rebensorten waren gepflanzt worden und gediehen vortrefflich.

Mirjam erhob sich vor Ende des Mahles. Sie mußte fort, zur Schule. Nachdem sie hinausgegangen war, beantwortete David eine Frage Löwenbergs:

"Ja. Mirjam ist Lehrerin. Sie unterrichtet im Mädchengymnasium. Ihre Fächer sind Französisch und Englisch."

Kingscourt brummte:

"So? Das arme Mädel muß sich mit Stundengeben schinden?"

Es lag ein geheimer Vorwurf darin, den David lächelnd aufgriff:

"Sie tut es nicht um den Lebensunterhalt. So weit bin ich, Gott sei Dank, daß ich meine Schwester nicht darben lasse. Aber sie hat Pflichten und erfüllt sie, weil sie auch Rechte besitzt. In unserer neuen Gesellschaft sind die Frauen gleichberechtigt mit den Männern."

"Alle Deibel!"

"Daß sie das aktive und passive Wahlrecht haben, ist selbstverständlich. Sie haben treu mit uns gearbeitet am Aufbau unserer Einrichtungen, ihre Begeisterung für unseren Hochgedanken hat den Mut der Männer beflügelt. Es wäre die häßlichste Undankbarkeit gewesen, wenn wir sie an den Gesindetisch unseres Hauses oder in ein verschämtes Serail verwiesen hätten."

"Sie sagten uns unterwegs," warf Löwenberg ein, "daß Reschid Bey auch ein Mitglied Ihrer Gesellschaft sei. Ihr Wort vom Serail bringt mich auf eine Frage."

"Die ich errate, Herr Doktor. Niemand ist gezwungen, unserer neuen Gesellschaft beizutreten. Wer in ihr aufgenommen wird, ist wieder nicht gezwungen, seine Rechte auszuüben. Das steht in seinem Belieben. Kannten Sie im alten Europa nicht auch Männer, die kein Interesse an den Wahlen hatten, nie zur Urne gingen und um keinen Preis eine Wahl angenommen hätten? So ist es mit dem Wählen und Gewähltwerden der Frauen in unserer neueen Gesellschaft. Glauben Sie nur ja nicht, daß die Hausmütterlichkeit bei uns darunter gelitten habe. Meine Frau zum Beispiel geht nie in eine Versammlung."

Frau Sarah lächelte:

"Daran ist aber nur Fritzchen schuld."

Kingscourt träumte einen Augenblick von der Kinderstube und murmelte wie verloren:

"Das begreife ich."

"Ja," fuhr David fort, "sie hat unseren Buben gesäugt und bei dieser Gelegenheit ihre unveräußerlichen Rechte ein bißchen vergessen. Früher gehörte sie der radikalen Opposition an. So habe ich sie auch kennengelernt, als Gegnerin. Jetzt macht sie mir nur noch zu Hause Opposition — freilich die allergetreueste, die man sich denken kann."

Dröhnend lachte Kingscourt:

"Das ist 'n verdammt gescheites Mittel, einer Opposition beizukommen. Das vereinfacht die politischen Zustände außerordentlich."

Und David erklärte weiter:

"Ich muß Ihnen aber sagen, meine Herren, daß die Frauen bei uns vernünftig genug sind, sich nicht auf Kosten ihres Privatwohles mit den allgemeinen Angelegenheiten abzugeben. Es ist nicht nur ein weiblicher, es ist ein menschlicher Zug, daß man sich um das Erreichte nicht mehr viel kümmert. Der Zustand, den wir haben, wurde auch schon im vorigen Jahrhundert vorbereitet. Es gab in einzelnen Ländern Vertretungskörper von lokalem oder professionellem Wirkungskreise, in denen die Frauen als Wähler und Gewählte zugelassen wurden. Sie haben sich da als klug und tüchtig bewährt. Sie haben nicht mehr Zeit vertrödelt, kein dümmeres Zeug geschwatzt, als die Männer. Es lag wirklich kein Grund vor, diese günstige Erfahrung unbenutzt zu lassen. Im übrigen ist die Politik bei uns kein Geschäft oder Beruf, weder für Männer noch für Frauen. Diese Seuche haben wir uns fernzuhalten gewußt. Leute, die von ihrer deklamierten Überzeugung zu leben versuchen, statt von ihrer Arbeit, werden rasch erkannt, verachtet und unschädlich gemacht. Die Gerichte haben wiederholt in Ehrenbeleidigungsfällen entschieden, daß .Berufspolitiker" ein Schimpfwort ist. Diese Tatsache sagt Ihnen wohl genug."

"Wie besetzen Sie aber die öffentlichen Ämter?" fragte Friedrich Löwenberg, "Gebäude, die Sie uns im Vorbeifahren zeigten, lassen doch die Annahme zu, daß es auch bei Ihnen Ämter gibt."

"Gewiß. Wir haben besoldete und Ehrenämter. Die besoldeten werden aber nur nach der fachlichen Tüchtigkeit der Bewerber vergeben. Die Parteigänger, welcher Art sie auch seien, haben von vornherein das gesunde Vorurteil aller gegen sich. Aktive Beamte dürfen sich überhaupt in keiner Weise an öffentlichen Diskussionen beteiligen. Anders ist es um die Ehrenämter bestellt. Für die Besetzung dieser haben wir einen einfachen Grundsatz. Die sich hervordrängen, schieben wir sachte beiseite. Wir bemühen uns, das echte Verdienst in seinen bescheidensten Schlupfwinkeln aufzustöbern. Darin sehen wir die Bürgschaft, daß unser teures Gemeinwesen nicht Strebern zum Raub werde. So ist der jetzige Präsident unserer Gesellschaft ein greiser, russischer Augenarzt. Der übernahm das Amt höchst ungern, weil er seine Praxis aufgeben mußte."

"War die so einträglich?" fragte Kingscourt.

"O nein, hauptsächlich eine Armenpraxis. Er hat sie seiner Tochter übergeben. Sie ist auch eine bedeutende Heilkünstlerin. Jetzt ist sie Vorsteherin der großen Augenklinik. Ein braves Frauenzimmer, hat nicht geheiratet und widmet ihr Leben, ihre geschickte Hand den armen Leidenden. Sie ist so recht ein Beispiel, welcher Nutzen die alten Mädchen, die einsamen Frauen in einer vernünftigen Gesellschaft werden können. Ehemals wurden, sie verspottet oder als Last empfunden. Bei uns wirken sie sich und anderen zum Heile. Das ganze Departement der öffentlichen Wohltätigkeit ist in den Händen solcher Damen. Auch darin haben wir nichts Neues geschaffen, sondern nur das längst Vorhandene in ein System gebracht, ordentlich zentralisiert. Spitäler, Siechenhäuser, Kindergärten, Ferienkolonien, Volksküchen, kurz, alle milden Einrichtungen, die Sie schon in Europa kannten, sind bei uns zusammengefaßt und werden einheitlich verwaltet. Durch diese Organisation ist es möglich geworden, jedem Hilfsbedürftigen oder Kranken beizustehen. Es werden zwar bei uns an die öffentliche Wohltätigkeit geringere Anforderungen gestellt, als es in den früheren Verhältnissen der Fall war, weil bei uns die Zustände — ich darf es wohl sagen — im allgemeinen gesünder sind. Aber Hilfsbedürftige gibt es auch hier, weil wir ja die Natur der Menschen nicht zu ändern vermochten. Schwäche, Sorglosigkeit, verschuldetes und unverschuldetes Unglück richten auch bei uns manchen zugrunde. Wir helfen den Kranken durch Pflege, den Gesunden durch Arbeit Das alles haben wir nicht erfunden, sondern nur angewendet und ausgebildet. Sie kannten sicherlich schon in der alten Zeit die Einrichtungen der Arbeitshilfe und Arbeitsvermittlung. Bei uns hat jeder ein Recht auf Arbeit, und somit auf Brot; dafür aber auch die Pflicht zur Arbeit. Den Bettel dulden wir nicht. Ein Gesunder, welcher Almosen nimmt, wird zu den schwersten Arbeiten gezwungen. Der mittellose Kranke braucht sich nur im Wohltätigkeitsamte zu melden. Keiner wird abgewiesen. Die einzelnen Spitäler sind selbstverständlich mit der Zentrale telephonisch verbunden, und es wird durch rechtzeitige Vorkehrungen dem gelegentlichen Platzmangel vorgebeugt. Wir müßten uns ja schämen, wenn ein Leidender von Spittel zu Spittel wankte, wie es ehemals vorkam. Ist ein Krankenhaus voll, so stehen im Hofe Wagen, um den neuankommenden Patienten in die nächste aufnahmebereite Anstalt zu bringen."

"Das muß doch ungeheure Kosten verursachen," sagte Friedrich.

"Nein. Bedenken Sie, daß durch die planvolle Einteilung alles ökonomischer wird. Die alte Gesellschaft war schon an der Jahrhundertwende reich genug, nur litt sie an ihrer namenlosen Verworrenheit. Sie war eine überfüllte Schatzkammer, in der man keinen Suppenlöffel fand, wenn man ihn brauchte. Die Leute waren keineswegs dümmer oder schlechter als wir — oder, wenn Sie wollen, wir sind nicht klüger oder besser, als jene waren. Der Grund des Gelingens unserer sozialen Versuche ist ein anderer. Wir haben unsere Gesellschaft gleichsam ohne erbliche Belastung eingerichtet. Zwar haben auch wir an die Vergangenheit angeknüpft, und wir mußten es — der alte Boden, das alte Volk — nur haben wir die Einrichtungen verjüngt. Die Völker mit ununterbrochener Geschichte mußten Lasten tragen, die ihre Väter auf sich genommen hatten. Wir nicht. Am deutlichsten sehen Sie das am Beispiel irgendeines der Staatshaushalte, die Sie ehemals kannten. Da bildeten die Zinsen und Amortisationen längstvergangener Schulden einen riesigen Rechnungsposten. Es gab nur zweierlei: entweder den schimpflichen Bankrott, oder das seufzende Fortschleppen der schweren alten Lasten. Die neue Gesellschaft war von vornherein in einer günstigeren Lage. Ich werde Ihnen das noch im einzelnen zeigen. Jetzt will ich nur Ihre Frage nach den Kosten der Wohltätigkeitsanstalten beantworten. Obwohl diese Anstalten bei uns für alle Notfälle ausreichen, allen Schwachen und Kranken zweckmäßig helfen, sind sie doch weit billiger. Die Bauten und Einrichtungen wurden und werden, wie es schon früher in jeder zivilisierten Gesellschaft geschah, aus öffentlichen Mitteln bestritten, insoweit die bei uns Juden von jeher üblichen Tempelspenden und letztwilligen Verfügungen nicht ausreichen. Für das pflegende Personal aber haben wir durch ein System von Mitgliedspflichten vorgesorgt. Alle Mitglieder der neuen Gesellschaft, die männlichen wie die weiblichen, müssen zwei Jahre ihres Lebens dem öffentlichen Dienste widmen. In der Regel ist es die Zeit vom achtzehnten bis zum zwanzigsten Lebensjahre, nach Vollendung der Studien. Dabei will ich schon jetzt bemerken, daß der Unterricht auf allen Stufen, mit Einschluß der Universität, für die Kinder unserer Mitglieder unentgeltlich ist. In der zweijährigen öffentlichen Dienstpflicht haben wir also ein unerschöpfliches Reservoir von Hilfskräften für alle diejenigen Anstalten und Arbeiten, deren allgemeine Nützlichkeit von der Gesellschaft anerkannt ist. Geleitet werden die Anstalten und Arbeiten von besoldeten Beamten."

"Ich verstehe," sagte Friedrich. "Ihre Armee besteht aus Berufsoffizieren und Freiwilligen."

"Ich akzeptiere das Gleichnis," erwiderte David. "Aber mehr als ein Gleichnis ist es nicht. Ein Kriegsheer gibt es nämlich in der neuen Gesellschaft nicht."

"Au weh!" spottete Kingscourt.

David lächelte:

"Was wollen Sie, Mr. Kingscourt? Nichts ist vollkommen auf Erden, also auch unsere neue Gesellschaft nicht. Wir haben ja keinen Staat, wie die Europäer Ihrer Zeit. Wir sind eine Gesellschaft von bürgerlichen Leuten, die nur durch Arbeit und Bildung ihres Lebens froh werden wollen. Wir begnügen uns damit, unsere Jugend auch körperlich tüchtig zu machen. Wir bilden wie den Geist so den Leib unserer Jugend. Turn- und Schützenvereine genügen uns für diesen Zweck, wie sie in der Schweiz genügten. Auch haben wir Wettspiele nach englischem Muster: Kricket, Fußball, Rudern. Auch diese bewährten Dinge haben wir übernommen, und sie bewähren sich nun bei uns. Einst waren die Judenkinder bleich, schwach und scheu. Sehen Sie sie heute an! Die Erklärung dieser wunderbar scheinenden Verwandlung ist die einfachste von der Welt. Wir haben sie aus dumpfen Kellerlöchern, Elendhütten, Proletarierstuben an das Licht gebracht. Pflanzen gehen ohne Sonne zugrunde, Menschen auch. Pflanzen kann man retten, wenn man sie in den von ihrer eigenen Art geforderten Boden setzt, Menschen auch. So ist es geschehen!"

Friedrich Löwenberg sprach sinnend:

"Wenn man Ihnen zuhört — und all das, was Sie uns schon gezeigt haben und noch zu zeigen versprechen, will es ja bestätigen —, so möchte man glauben, daß es eine wirkliche Begebenheit und keine Utopie sei. Und doch fehlt mir etwas. Den Umfang und die Bedeutung Ihrer neuen Gesellschaft beginne ich zu ahnen. Sie werden sie uns gewiß noch näher erklären. Das bringt mich auch gar nicht in Verwirrung. Etwas anderes ist es. Ich gebe ja zu, daß Sie uns lauter Dinge vorführten, die uns nicht befremden dürfen, weil wir sie sämtlich schon in Europa, obwohl nur zerstreut und ohne Harmonie geschaut haben. Aber wenn ich auch sehe, höre, greife — begreifen kann ich nicht, wie das entstehen konnte. Wie soll ich mich nur ausdrücken? Ich verstehe den neuen Zustand, soviel ich bisher von ihm weiß, vollkommen — nur sein Werden verstehe ich nicht. Der Übergang von dem alten Zustande, den ich kannte, in den neuen ist mir unerklärlich. Käme ich heute auf die Welt. so würde ich das alles hinnehmen, wie ich das Gewordene meiner Zeit als vernünftig hinnahm. Gewiß hätte ich auch damals vieles als wunderbar und unwahrscheinlich empfunden, wenn ich es plötzlich mit dem entfremdeten Blick eines zwanzig Jahre Abwesenden erschaut hätte. Wären wir beispielsweise von 1880 bis 1900 weggewesen, so hätten uns im elektrischen Licht, im Telephon, in der Kraftübertragung durch den Draht viel größere Überraschungen erwartet. Sie setzten uns hingegen nichts technisch Neues vor, und ich glaube doch, zu träumen. Der Übergang fehlt mir."

"Den will ich Ihnen auch zeigen," sagte David. "Ich werde Ihnen meine eigene Geschichte erzählen, in der Sie selbst eine so große Rolle gespielt haben. Nur nicht hier, nicht jetzt. Sie werden von der Reise müde sein. Ruhen Sie vor allem! Abends wollen wir, wenn Sie Lust haben, in ein Theater gehen, in die Oper oder in das deutsche, englische, französische, italienische, spanische Theater."

"Schwerenot!" schrie Kingscourt, "das alles gibt es hier? Also wie in Amerika zu meiner Zeit? Da gab es ja auch Schauspieler aus aller Herren Ländern. Aber daß Sie das hier haben..."

"Ist doch gewiß nicht erstaunlich. Von Europa ist es hierher viel näher, als nach Amerika. Auch haben es die Leute, denen vor der Seekrankheit bangt, bequemer, nach Palästina zu kommen. Das im vorigen Jahrhundert begonnene Netz der kleinasiatischen Bahnen ist längst ausgebaut. Man fährt im Eisenbahnwagen nach Damaskus, Jerusalem oder Bagdad. Seit die Eisenbahnbrücke über den Bosporus fertig ist, kann man ja überhaupt ohne den Wagen zu wechseln von Petersburg oder Odessa, von Berlin oder Wien, von Amsterdam, Calais, Paris, Madrid und Lissabon nach Jerusalem fahren. Die großen europäischen Expreßlinien haben sämtlich Anschluß an die Linie nach Jerusalem, sowie die palästinensischen Bahnen wieder Anschluß nach Ägypten und Nordafrika haben. Die nord-südafrikanische Linie, für die sich der deutsche Kaiser schon in den neunziger Jahren interessierte, und die sibirische Bahn nach den Grenzen Chinas ergänzen dieses Eisenbahnnetz der alten Welt. Wir befinden uns an einer vorzüglichen Stelle dieses Netzes."

"Hol's der Deibel, das ist 'ne dolle Nummer!"

"Sie werden sich doch nicht über Eisenbahnen wundern, die Sie selbst gesehen haben, Mr. Kingscourt? Das ist nichts Übernatürliches. Die russisch-chinesische Bahn war vor zwanzig Jahren schon fertig, die Bagdadbahn im Bau, die Nil-Kap-Bahn geplant. Unerklärlich müßte man es nur finden, wenn Palästina, genau im geographischen Mittelpunkte der Verkehrskreuzung zwischen Europa, Asien und Afrika liegend, noch länger ausgeschaltet geblieben wäre."

"Nee, lieber Hausherr, darüber wundere ich mich nicht Sondern — darf ich es sagen? — daß Ihr Juden das gemacht habt. Sie nehmen mir's nicht krumm?"

Friedrich bemerkte:

"Offen gesagt, das ist auch mein Erstaunen. Uns Juden hätte ich das nicht zugetraut'"

David sagte gelassen:

"Nur wir Juden konnten es. Nur wir allein. Nur wir waren imstande, diese neue Gesellschaft und diesen Verkehrsmittelpunkt zu schaffen. Eins griff ins andere, und es konnte nur durch uns, durch unsere Schicksale hindurchgehen. Unsere moralischen Leiden waren dazu notwendig wie unsere wirtschaftlichen Erfahrungen und unser Kosmopolitismus. Doch genug davon für heute. Ruhen Sie jetzt, unterhalten Sie sich dann. Morgen in Tiberias erzähle ich Ihnen weiter."

>> Fortsetzung...

 
hagalil.com
Search haGalil
e-Postkarten


DE-Titel
US-Titel

Books

Spenden Sie mit PayPal - schnell, kostenlos und sicher!

haGalil.com ist kostenlos! Trotzdem: haGalil kostet Geld!

Die bei haGalil onLine und den angeschlossenen Domains veröffentlichten Texte spiegeln Meinungen und Kenntnisstand der jeweiligen Autoren.
Sie geben nicht unbedingt die Meinung der Herausgeber bzw. der Gesamtredaktion wieder.
haGalil onLine

[Impressum]
Kontakt: hagalil@hagalil.com
haGalil - Postfach 900504 - D-81505 München

1995-2006 © haGalil onLine® bzw. den angeg. Rechteinhabern
Munich - Tel Aviv - All Rights Reserved